REVIEW / TEST

https://radsyndikat.de/blog/specialized-venge-pro-mit-einem-aero-bike-beim-sportful-dolomiti-race-2019-eine-review-aus-dem

Specialized VENGE PRO - Mit einem AERO-Bike beim Sportful Dolomiti Race 2019. Eine Review aus dem RADsyndikat.

Klassischer Renner vs. AERO-Bike. Specialized TARMAC PRO vs. Specialized VENGE PRO. Unser Flo hat die 209km / 5.250hm des Sportful Dolomiti Race 2019 dazu genutzt, eine Antwort darauf zu finden. Ein Testbericht aus dem echten Leben statt aus dem Labor.

Das Sportful Dolomiti Race 2019 ist im Kasten, das Ergebnis und das Erlebte haben wir im Rennbericht bereits ausführlich behandelt. Und auch wenn unserem Flo die finale Champagnerdusche wegen der Regularien verwehrt blieb, so war der 16. Juni auch für Ihn ein großartiger Tag. Dieses Jahr auf einem Specialized Venge Pro unterwegs, konnte er wertvolle Vergleiche ziehen zu dem Specialized Tarmac Pro mit welchem er 2018 an den Start gegangen ist. Und so haben wir im Anschluss die Chance genutzt und uns mit Flo auf einen Kaffee hingesetzt um sein Resümee zu erfahren.

RADsyndikat: Flo, nachdem Du uns im Vorfeld über Deine Ambitionen im Unklaren gelassen hast, magst Du uns im Nachhinein aufklären ob und wie Du Dich auf das Event vorbereitet hast?

Flo: Unaufgeregt. Nein, im Ernst, das häufige Pendeln mit dem Rad von München oder dem Tegernsee aus, die regelmäßigen Mittwochsausfahrten und die hochwertigen Kilometer im Rahmen unseres Trainingslagers haben Ihren Beitrag geleistet. Da kommen dann schnell mal 10.000km bis Ende Mai zusammen. Und eine letzte Testrunde am Tegernsee mit 5.000hm haben dann Gewissheit gebracht, dass der Schwung da ist.

RADsyndikat: Du hast dieses Jahr sehr konsequent auf die Karte AERO gesetzt. Was war der Auslöser?

Flo: Nachdem wir im April mein Specialized Tarmac Pro verkauft haben, wollte ich die Chance nutzen und herausfinden, was ein Specialized Venge im Vergleich kann. Die Frage kommt häufig in der Beratung. Und wenn man zwei solcher Top-Bikes im Portfolio hat, liegt es nahe, der Antwort auf den Grund zu gehen … auch aus reiner Neugier und persönlicher Begeisterung.

RADsyndikat: Kannst Du kurz beschreiben, wie Dein Setup aussieht?

Flo: Sicher, grundsätzlich ein Specialized Venge Pro MY2019 von der Stange. Wobei man bei der Lackierung eigentlich nicht „von der Stange“ sagen darf ( purple flake, Anm.d.Red. ). Größe 54 mit der elektrischen Shimano Ultegra DI2, hydraulischen Scheibenbremsen und dem S-Works Dual Crank Powermeter. Von Lightweight haben wir freundlicherweise einen Satz Lightweight Meilenstein Disc Aero Laufräder mit 24mm Veloflex Schlauchreifen zur Verfügung gestellt bekommen und aus dem Shop dann noch der Specialized S-Works Evade Aerohelm und der Sportful Aero Road Einteiler.

RADsyndikat: Weisst Du noch das Gewicht Deines Specialized Tarmac und kannst hier einen Vergleich ziehen?

Flo: Das Specialized Tarmac Pro aus dem Modelljahr 2018 war noch ein Felgenbremser. Ebenfalls mit der Shimano Ultegra DI2, aber statt der Lightweights ein 30mm hoher ROVAL CLX32 Laufradsatz. Damit stehen 6,6kg beim Specialized Tarmac gegenüber 7,3kg beim Specialized Venge. Also auf dem Papier zunächst ein Nachteil auf über 5.000hm.

RADsyndikat: Wie hat sich der dann im Verlauf des Rennens bemerkbar gemacht?

Flo: Zugegeben, das ein oder andere Watt ist, besonders in den steilen Stücken am Manghen oder dem Croce d’Aune, sicher dafür draufgegangen. Aber die Situation und der Rennverlauf im Sportful Dolomiti Race dieses Jahr haben mir in die Karten gespielt.

RADsyndikat: Wie meinen?

Flo: Nachdem Johannes und ich wegen der Vorjahresplatzierung aus dem ersten Startblock starten durften und Lucas schnell zu uns aufgeschlossen hatte, ging der Rennstart vergleichsweise gemütlich vorüber. Auch der erste Pass ist von der Spitzengruppe gleichmäßig angegangen worden. Bergab und auf den Flachstücken habe ich dann schnell festgestellt, dass ein Specialized Venge Vorteile im Speed bringt gegenüber den Leichtbau-Rennern der Konkurrenz. Und weil die Spitzenfahrer im Gegensatz zu mir alle aus Autos oder vom Streckenrand verpflegt wurden, musste ich an den Verpflegungsstationen immer mit einem kleinen Vorsprung ankommen um mich nach dem Auffüllen und Verpflegen wieder in der Gruppe einordnen zu können, was mir dieses Jahr deutlich leichter gefallen ist. Im Flachstück zum Manghen habe ich sogar einen Vorsprung von 30sek herausfahren können. Es fällt mit dem AERO-Konzept schlichtweg leichter in den Bergab-Passagen Speed aufzunehmen und diesen dann zu halten. Letzteres gilt auch für die Flachstücke.

RADsyndikat: Womit wir beim Nachteil des AERO-Konzepts wären. Weil Du vorne raus bist, hast Du die Aufmerksamkeit der Kommissare auf Dich gezogen, richtig?

Flo: Kann man so sagen, ja. Ich habe in der Mitte vom Anstieg zum Passo Manghen, auf einem flacheren Stück aus der Gruppe heraus beschleunigt und mich schön gleichmäßig und knapp unter meiner Schwelle vom Feld abgesetzt. Und dann waren sie auf einmal da, die Kommissare.

RADsyndikat: Aber nicht weil ihnen Dein lilafarbenes Rad so gut gefallen hat?

Flo: Zumindest haben sie das so nicht gesagt. Ich habe dann lernen müssen, dass man in Italien 4 Jahre frei von UCI-Punkten sein muss um bei Marathons starten zu dürfen. Dieselbe Begründung wie bei Johannes, der hat’s aber erst auf dem Podium erfahren. Also habe ich mich nach kurzer Diskussion in die Spitzengruppe fallen lassen und versprechen müssen, keinen Einfluss auf den Ausgang des Rennens zu nehmen. Und so habe ich mich wieder neben Fahrern eingereiht, die mir aus der Vergangenheit gut bekannt sind und die nur deswegen keine UCI-Punkte mehr sammeln, weil Sie sich an die Regeln im Profi-Zirkus nicht halten konnten oder wollten, wenn Du verstehst was ich meine.

RADsyndikat: Ich kann’s mir vorstellen. Aber wie stand’s ab da mit Deiner Motivation?

Flo: Am Passo Manghen habe ich mir dann an der Verpflegungsstation erst mal Zeit gelassen und sogar mein Specialized Venge „geparkt“. Die Spitzengruppe hatte da, mich eingerechnet, ohnehin nur noch 6 Mann. In der Abfahrt habe ich dann meine Motivation wieder gefunden, weil’s einfach geil ist, mit einem Specialized Venge und der Disc die frisch geteerten Windungen hinabzuschiessen. Und rechtzeitig zum folgenden Flachstück nach Predazzo war ich wieder dran. Da habe ich dann wieder deutlich gespürt, dass mit dem AERO-Renner mehr ging als bei den anderen, aber ich hatte ja Hausarrest.

RADsyndikat: Klingt nach einem entspannten Restprogramm?

Flo: Nix da, die Abfahrt vom Passo Rolle war regennass, am abfallenden Stück zum Schlussanstieg wollte keiner die Verantwortung übernehmen und ich durfte ja nichts machen. Also war klar, der Schlussanstieg zum Monte Avena wird die Entscheidung bringen. Wer das Sportful Dolomiti Race kennt, der weiß dass sich am Schlussanstieg auch die Fahrer des Medio Fondo mit 140km dazugesellen. Und so wurde es ein Schlangenlinien-Rennen, bergauf wie bergab. Mit den Fahrern des Medio Fondo als direkte Beobachter des Finales vom Gran Fondo. Stefano Ceccini hat dann das Zepter in die Hand genommen und ich bin mitgegangen. Da standen 400 Watt auf meinem wahoo. Und weil ich wieder Besuch der Kommissare bekommen habe und an mein Hausarrest erinnert wurden, bin ich den Rest bis ins Ziel gleichmäßig und in Schlagdistanz zum späteren Sieger, Enrico Zen, gefahren.

RADsyndikat: Was in Zahlen bedeutet?

Flo: Mein wahoo zeigt 209km, 5.250hm, 6:54 Fahrzeit, 6.600 Kalorien und 292 Watt NP.

RADsyndikat: Und Dein Fazit?

Flo: Ganz klar, ein Specialized Venge hat für mich bergauf kaum Nachteile und ist im Flachen oder den Abfahrten deutlich schneller als der klassische Renner. Disc-Bremsen sind für mich ab sofort ein Muss an meinem Bike, der Vorteil bei einer Veranstaltung wie dem Sportful Dolomiti Race ist massiv.

RADsyndikat: Also sollten wir nächstes Jahr alle mit AERO-Bikes an den Start gehen?

Flo: Ganz sicher nicht. Das muss man individuell betrachten. Es gibt Fahrer, die sind auf einem Roubaix, Tarmac oder Allez sicher besser aufgehoben und vielleicht sogar schneller. Aber wer den notwendigen Grundspeed mitbringt, der sollte sich unbedingt das Specialized Venge näher anschauen.

Du möchtest gerne mehr wissen oder hast unbeantwortete Fragen? Dann wende Dich an unseren Flo unter +49 8031 9085380 oder via email

Mehr über Flo erfährst Du auf unserer TEAM-Übersicht

Gefragt hat: Sebastian Schaeffer

Photo credits: Flo Bissinger, Sportograf & Sebastian Schaeffer

 

X